Textprobe aus Bernhards Buch
Anmerkung: Bernhard ist derzeit Gast der Erzabtei St. Martin in Beuron. Auf diesen Seiten wird er mit seinem Einverständnis von der Beuroner Jakobspilger-Gemeinschaft vertreten. Wir bitten auf diesem Weg um Spenden für seinen Aufenthalt und zur Unterstützung seines Buch-Projektes. Hier finden Sie die Daten unseres Spendenkontos. Bitte geben Sie das Stichwort "Bernhard" an.
Einleitung
Auf "Du und Du"
Wenn Du dieses Buch in Deinen Händen hast, wirst Du mich vom Bodensee bis hin zum Atlantik begleiten. Ich bin mir sicher, dass Du es nicht bereuen wirst, 2500 Kilometer an meiner Seite zu verbringen. Alles was Du dazu benötigst, ist ein offenes Herz und ein wenig Fantasie.
Ich sage ‚Du' zu Dir, weil Pilger untereinander keine andere Anrede gelten lassen. Du wirst merken, dass es auch viel praktischer und vor allem viel persönlicher ist, um die Herzen der Menschen im Sturm zu erobern. Denn die Begegnungen sind meistens nur von kurzer Dauer, dafür aber enorm wichtig. Dies wirst du schon nach einer kurzen Wegstrecke erkennen.
Ich führe Dich durch die ‚Höhen' und ‚Tiefen' eines Pilgerdaseins, über alle Berge und tiefe Täler des Weges, durch alle Wetter und Unwetter. Falls ich einmal nicht mehr weiter wissen sollte, erinnere ich mich ‚Deiner', schöpfe Mut und Energie, Hoffnung und Gelassenheit. Deine Anwesenheit ist mein ‚Notstromaggregat', wenn mich meine Kräfte verlassen sollten.
Als "Bernhard, der Pilger vom Bodensee ", war ich bekannt, wie ein ‚bunter Hund' und mein Ruf eilte mir oft voraus. Das lag vor Allem an meiner Kleidung und Ausrüstung. Gewandet, wie im Mittelalter, mit einer Kiepe ( Korb) auf dem Rücken, an dem ein fortwährend klingelndes St. Jakobs-Glöckchen baumelte, ein wunderschöner, langer Pilgerstab (den mir mein jüngerer Sohn Alexander zwei Wochen vor meinem Start schenkte) und Messingschellen an einem braunen Lederband um meinen rechten Fuß gebunden, war ich eine auffällige Gestalt auf dem Weg. Das war auch mein Bestreben. Und ich sage Dir auch warum.
Ich lief ohne finanzielle Absicherung, das heißt: ich war pleite! Ich hatte alles verloren, was in unserer Gesellschaft wichtig und lebensnotwendig erscheint. Mehr möchte ich Dir im Augenblick nicht dazu sagen! Aber dieser Zustand machte mich frei - frei für Zeit und Raum.
Da mich die Natur mit der Gabe ausgestattet hat, musikalische Fähigkeiten zu entwickeln und ich leidlich versuche, der Gitarre schöne Klänge zu entlocken, beschloss ich, dass ich meinen langen Weg durch Straßenmusik finanziere. Da aber die Gitarre viel zu schwer für unterwegs war, sattelte ich kurzerhand auf Mandoline um. In eine Mittelalter-Stimmung gebracht, musste ich mir (schon auf dem Weg) die Fähigkeit aneignen, dieses Instrument so gebrauchen und beherrschen zu können, dass ich die vielen Menschen, die ich traf, auch berühren konnte, um sie zu einer kleinen Spende für meinen schmalen Geldbeutel zu animieren. Dies war, ich sage es vorweg, eine spannende und nicht immer erfolgreiche Tätigkeit, die viel Kraft und Stehvermögen erforderte. Dennoch wurde die Mandoline meine beste und treueste Freundin, ja - ich habe sie wirklich lieben gelernt!
Die letzten sechs Wochen vor dem Start am 18. April 2007, wohnte ich in einer kleinen, günstigen Ferienwohnung und vermeinte, mich in Ruhe auf meinen Weg vorbereiten zu können. Aber es gab große Probleme. Und glaube mir - wenn ich nicht selbstlose Helfer gehabt hätte, wäre dieses Unternehmen zu Ende gewesen, bevor es überhaupt hat beginnen können.
Zum einen brauchte ich ja die Ausrüstung. Ich musste mich einkleiden, brauchte Sandalen und feste Schuhe, den Korb, eine Digital-Kamera (für geplante Vorträge) etc. - ich hatte ja kein Geld! Zum anderen, Du wirst es kaum glauben, konnte ich bis zehn Tage vor meinem Start kaum laufen. Mein rechtes Knie hat sich vehement geweigert mitzupilgern - und zwar seit genau dem Zeitpunkt, als ich die Entscheidung für den Jakobsweg getroffen habe. So war ich denn bei einem Orthopäden in Behandlung, vier lange Wochen. Er machte mir Mut und sagte gegen mein Gefühl, dass ich Santiago erreichen werde. Die Akupunktur Therapie brachte lange Zeit keine Erfolge und meine Zweifel wurden immer stärker. Ich glaubte dem Orthopäden kein Wort mehr, als die vorletzte Behandlung eine sensationelle Wendung nach sich zog. Vielleicht wirst Du an Wunder glauben, wenn Du dieses Buch gelesen hast, ich hatte zu diesem Zeitpunkt ein Erstes! Sechs Kilometer bin ich zur Ferienwohnung gegangen, fast geschwebt - und konnte es nicht fassen. Ich war absolut schmerzfrei!
Erst jetzt konnte ich mich auf den Starttermin vorbereiten - und ich tat es fast aphatisch. Mein Bewusstsein war so gut wie ausgeschaltet. Das hatte zur Folge, dass ich mir überhaupt keine Sorgen mehr machte, aber auch, dass die Glut erloschen schien. Zwei Tage vor dem Start bekam ich meine neuen Schuhe (die Sandalen waren eine Sonderanfertigung einer nahegelegenen Schuhfabrik, zu schnüren mit Lederbändchen im Mittelalter-Look) Sie wurden mir geschenkt, mit den Wünschen, das Ziel mit ihnen zu erreichen. Jedoch hatte ich ja keine Zeit, die Schuhe einzulaufen. Aber ich hatte ja keine Probleme mehr und wartete nur noch auf den Tag X. Die Wetterprognosen waren optimal, wir hatten auch schon seit zwei Wochen Sommerwetter im April. So, nun hoffe ich, dass Du reisefertig und bereit bist, die ersten Schritte in Richtung Westen mit mir zu gehen.
Der andere Weg
1 Endlich unterwegs
Der Tag beginnt! Ich erwache um 7 Uhr aus einem tiefen, traumlosen Schlaf. Es ist Mittwoch, der 18. April 2007, der Tag des Aufbruchs in eine Zukunft, die unbestimmter nicht sein kann. Ich bin die Ruhe selbst und habe das Gefühl, nicht existent zu sein. Ich hatte organisiert, dass meine ehemalige Frau ( Micky) und Mutter unserer drei Kinder, mich abholt und an den Ort des Aufbruchs bringt. Gestern hab ich noch alles vorbereitet, den Korb gepackt, meine Mittelalter-Gewandung bereit gelegt und meine wenigen Habseligkeiten gebündelt, die Micky für mich aufbewahrt. Ich trinke noch einen Kaffee, kleide mich an, bin wie in Watte gehüllt und fühle mich absolut sicher.
Ich bin bereit! Ich bin ‚nichts' und bin ‚alles' - ich habe ‚nichts' und habe ‚alles'!
Der Nebel in meinem Kopf verhindert alle Fragen, die Verunsicherung hervorrufen würden. Nun, da ich mich von meiner Vermieterin verabschiedet habe (sie gab mir noch einen handgeschriebenen Zettel, mit der Bitte, ihn in Santiago auf den Altar der Kathedrale zu legen), ergreift mich ein Gefühl der Erleichterung. Von nun an darf und werde ich nur noch in der Gegenwart leben. Ich ahne ganz im Verborgenen: "Dieser Weg wird mein Leben drastisch verändern, meine Zeit beginnt heute!"
Die Autofahrt nach Konstanz zum Münster dauert 30 Minuten. Ich stehe etwas verloren auf dem Platz neben der Pfarrei, in meinem Pilgergewand, neben mir die Kiepe und die prall gefüllte, olivfarbene Gitarrentasche aus festem Leinenstoff. Ich stütze mich auf den Pilgerstab und bleibe eine Weile gedankenversunken stehen. Den ersten Stempel für meinen Pilgerausweis muss ich mir in der Pfarrei holen, doch zunächst bitte ich Dich, mich in die Kirche zu begleiten.
Zum ersten Mal wuchte ich mir die Kiepe auf meine Schultern, nehme die Gitarrentasche, die zu einem Bündel mit musikalischer Ausrüstung und anderen diversen Pilgerutensilien umfunktioniert wurde (damit die Kiepe nicht so schwer ist) und gehe bedächtigen Schrittes um das Münster herum, zum großen Portal. Es ist 9.15 Uhr und ich nehme die Menschen um mich herum kaum war - und sie lassen mich auch in Ruhe. Es ist so, als achten sie die große Bedeutung des Augenblicks. Unbehelligt betrete ich die Kirche und stelle mein Gepäck ab. " Komm, wir werden um den Beistand bitten, den wir brauchen, um unser Ziel zu verfolgen." Ich hole mir eine Kerze und zünde sie an, stelle sie in einen Kerzenständer und setze mich auf eine Bank in der Nähe. Es brennen nicht viele Kerzen und ich kann meine gut im Auge behalten. Ich schaue in die Flamme und lasse mich treiben. Alle Menschen, die mir wichtig sind tauchen auf und gehen wieder- und nun weiß ich es ganz genau: "Ich bin nicht allein" Ich bitte um Schutz für diese Menschen und Schutz für meinen Weg. Warm durchströmt es mich und ich fühle mich geborgen.
Ich verlasse das Münster und interessiere mich zum ersten Mal für das Wetter. Seit über zwei Wochen schon ist der Sommer im Land, mit Temperaturen bis über 25 °C und viel Sonnenschein. Heute ist es kühl und der Himmel zeigt sich völlig zugeknöpft. Ich bin mir aber sicher, dass es heute nicht regnen wird, und auch die Prognosen waren sehr positiv.
Nun nehme ich auch die Menschen in meiner Nähe war, die mich mit fragenden, lächelnden, mitleidigen, traurigen, belustigten oder bedauernden Augen ansehen - ich lächle nur! Aber keiner traut sich heran, das ist gut so! Ich gehe zur Pfarrei und läute. Eine Frau mittleren Alters öffnet die Tür und schaut mich ganz verwundert an. Ich ignoriere ihren Blick und frage, ob ich hier den Stempel für meinen Pilgerausweis bekommen kann. Sie nickt nur, scheint völlig durcheinander. Sie hat schon viele Pilger gesehen, sagt sie, aber noch nie einen, der wie einer aussieht. Das tut mir gut! Sie stellt keine Fragen, auch das tut gut! Bedächtig und vorsichtig drückt sie den Stempel auf mein Credencial del Peregrino und gibt mir den Ausweis. Ich lasse die Farbe trocknen und führe den Stempel an meine Lippen. Der erste Stempel auf meinem Weg! "Basilika unserer lieben Frau - St. Jakobsweg Konstanz" - und in der Mitte die Jakobsmuschel, umgeben von zwölf Sternen. Nun ist der Weg frei für mich - ich bin frei für meinen Weg. Nachdem ich die Segenswünsche erhalten habe, gehe ich wieder auf den Vorplatz. Ich blicke mich um und meine Augen bleiben an einer Art Verkehrsschild hängen. Ich gehe näher und erkenne die Jakobsmuschel auf blauem Grund. "Konstanz - 2340 km nach Santiago de Compostela" steht darunter. Andächtig stehe ich da und erfasse die Größe dieses Vorhabens. Auf meinem Pilgerstab gestützt, atme ich tief ein und aus - - - dann gehe ich los!
Der Weg gehört mir, denke ich. Dann höre ich auf zu denken, und Tränen bahnen sich ihren Weg. Ich gehe durch die Altstadt, durch das ‚Schnetztor' in Richtung Kreuzlingen zum Grenzübergang in die Schweiz. Der Weg ist gut markiert und nennt sich hier ‚Schwabenweg'. Ich besitze einen kleinen Pilgerführer für die Schweiz, den ich mir vor ein paar Tagen im Touristik-Büro am Konstanzer Bahnhof besorgt habe. In der Frische, ca. 15 °C, lässt es sich gut gehen und ich gehe gemächlich. Dennoch erreiche ich schon bald die Grenzstation. Ein Zollbeamter kommt lachend auf mich zu und fragt: " Ja sind sie noch von der letzten Fasnacht übriggeblieben?" "Ich bin nur ein Pilger, auf dem Weg nach Santiago", erwidere ich. Ich sehe das Staunen in seinem Gesicht, als er seine geographischen Kenntnisse zum Besten gibt: "Aber das liegt doch in Spanien!?!" "Ja eben" sage ich und lasse ihn mit offenem Mund stehen. Ich höre noch so etwas, wie: "Na dann mal viel Glück" und gehe weiter.
Was meinst Du, haben wir die erste Hürde nicht mit großem Elan genommen?

